Stilisiertes R für Rezerette mit Tintenklecks

Vom Gartenblog zum Autorinnenblog

Eine Spurensuche

Berlin, 2017. Irgendein Hotelzimmer, wahrscheinlich. Habe mein mein iPad auf dem Schoß und stelle eine Frage, die man schneller googelt als stellt:
„Was ist WordPress?”

Die Antwort kam von unserem Berliner Start Up: ein Team aus Nerds, mit sehr eigenem Kommunikationsstil. Aber sie konnten mir erklären, dass 60 % aller Webseiten mit WordPress laufen und dass das Ganze „ganz einfach” sei.

Ganz einfach.

Drei Minuten später hatte ich meinen ersten Blog.

Das Motiv war nicht Selbstverwirklichung. Es war Widerstand. Ich wollte mitreden können. Ich war Projektleiterin für ein neues, internetbasiertes Geschäftsmodell bei Winterhalter – klassische Marketingaufgabe, aber ich kam aus dem General Management und war null Online-Expertin. Und ich hatte keine Lust, mir erklären zu lassen, wie das Internet funktioniert – schon gar nicht von Jungs mit Tech-Alleinvertretungsanspruch. Klar, sie konnten sich mit Technik aus. Von Vermarktung? Von physischen Produkten? Von menschlicher Kommunikation? Keine Ahnung.

Also lernte ich, was Meta-Texte sind. Was CMS bedeutet. Wie eine Webseite wirklich funktioniert. Ich wollte mir keinen Bären aufbinden lassen.

Und nebenbei – fast zufällig – fing ich wieder an zu schreiben.

Der erste Text: MeToo

Dieser Blog existiert nicht mehr. Aber die Wayback-Machine hat ihn bewahrt, inklusive meines allerersten Textes. Der hatte nichts mit Garten zu tun. Ich hatte Pflanzen als Hintergrundmotiv genommen, eine coole Sukkulente.

Aber inhaltlich ging es um etwas ganz anderes: MeToo.

2017 brach das alles hoch. Weinstein – ich weiß nicht mehr, was mir genau den Auslöser gab. Aber ich saß da und dachte nach. Über die kleinen und größeren MeToo-Erlebnisse in meinem Berufsleben. Als Frau. In den 50ern. Und ich schrieb sie auf.

Der komplette Text liegt [hier als PDF zum Download]

Ein Auszug, der mir bis heute nicht aus dem Kopf geht: eine Kundenbindungsveranstaltung:

Szene 4

Irgendwann zwischen Vorspeise und Hauptgang legt er seine Hand auf meinen Oberschenkel. Die stoße ich energisch weg und zische ihn giftig an, er solle das gefälligst lassen.
[…]
Und interessanterweise sprach ich just gestern mit einem anderen Kollegen über diesen Kunden, den es immer noch gibt – Zitat: „Jaja, den darf man nie neben Frauen setzen!

Das letzte Zitat. Das zeigt es.

Dieser Text ist wichtig für meine Spurensuche als Autorin. Denn diese MeToo-Geschichten aus 2017 haben später ein Kapitel in Madelisa geprägt: Hazy Violet. Die Erlebnisse verdichtet, zusammengebracht, literarisiert. Und natürlich eine verdammte Menge Wut weiter getragen – die Wut über einen Kollegen, der schon 2017 wusste, dass dieser Kerl nicht neben Frauen sitzen darf.

So fing das mit WordPress an.

Mit Widerstand. Mit Spurensuche.

Schreiben ohne Plan

Von 2017 bis Anfang 2020 habe ich vielleicht ein Dutzend Artikel geschrieben.

Über Achtsamkeit, weil ich frisch aus einer Yogalehrer-Ausbildung kam und wissen wollte, wie man sich im eigenen Körper wirklich zuhause fühlt.

Über Pflanzen, weil ich im Berggarten werkelte. Planlos und sehr stolz: Ich hatte einen Blog. Und das zählte.

Parallel startete ich Instagram. Und weil ich mich für Bloggen interessierte, stieß ich auf andere Blogger – auf eine How-to-Blog-Community, die ihr Wissen teilte, ohne Paywall, einfach so.

Danke dafür!

Und dann kam Corona.

2020–2022: Corona als Katalysator

Meetings wurden virtuell, Reisezeit und Vorbereitung fielen weg und plötzlich fühlte sich mein Job an wie ein 60-Prozent-Modell. Die übrige Zeit war einfach: offen.

Inspiriert von der How-to-Blog-Community dachte ich: Ich muss meinen Blog auf selbst gehostet umstellen. Und das tat ich. 2020 suchte ich mir eine WordPress-Expertin – Daniela von Miss Webdesign aus Österreich. Für 500 Euro setzte sie mir meinen allerersten richtigen Blog auf: Rezerette.

Den Namen hatte ich von Anfang an. Ein Künstlername, den ich mir selbst überlegt hatte. Rezerette kommt von Ratte – so nennt mich mein Mann scherzhaft, weil ich für eine Maus viel zu bissig bin. Ich habe das frankophonisiert. Und mir gefällt das Z in der Mitte, weil ich so gerne dieses Sütterlin-Z schreibe. Ein schöner, sperriger Name.

Im Rahmen dieser Webseite machte Daniela mit mir einen Workshop. Wir entwickelten den Claim: „Was mir mein Garten gibt.“

Er passte – damals wie heute.

Von 2020 bis Mitte 2022 schrieb ich etwa 60 Blogartikel. Ich nahm an Challenges teil. Schrieb Monatsrückblicke, Jahresrückblicke, 12 von 12 – all diese Formate, mit denen man ins Schreiben kommt. Und ja, die Idee dahinter stimmt: Viel Schreiben hilft.

Ich beschäftigte mich mit SEO. Aber weil ich kein Produkt hatte, achtete ich nur darauf, dass meine Texte ordentlich aufgebaut waren: Überschriften, Alt-Texte, nicht zu große Bilder. Die Sachen, die man lernt, wenn man ordentliche Texte fürs Internet schreibt.

Ich freute mich über Kommentare. Ich füllte parallel mein Instagram, um Leser auf den Blog zu bekommen. 100 Follower – die Fake-Accounts hab ich rausgekickt. Eine Domain Authority von 12. Okay, aber nicht sensationell.

Und ohne dass es beabsichtigt war, machte ich einen Marmeladensaison-Blog daraus. In den Nicht-Sommermonaten: 100, 150 Besucher. Im Juni, Juli, August schoss das hoch – manchmal auf 2000 im Monat. Mirabellen-Rezepte (Pdf) Die sind heute noch auf Nummer eins bei Google. Das ist echt witzig.

Vielleicht lag es daran, dass ich sie auf Pinterest gepinnt hatte. Ja, Pinterest habe ich auch ausprobiert.

2022–2023: Die große Pause

Von Mitte 2022 bis Mitte 2023 ging meine Energie in meinen anderen Blog – für mein Naturcoaching-Business (Link anderer Making of). Ich schrieb vielleicht vier Artikel auf Rezerette. Aber ich war in der anderen Welt unterwegs. In der Content-Creator-Welt. In der SEO-getriebenen Welt.

Ich mutierte zur Content-Kreatur. Und merkte schnell: Ich hasse diese Rolle mit jeder Faser. Und dann kehrte ich um.

2025: La Réunion und die Rückkehr zur Stimme

Mit der Abkehr vom Ranking-getriebenen Schreiben stellte ich mir die Frage:

Wohin mit den echten Texten?
Die Antwort war klar: Sie müssen wieder zu Rezerette.

Im Frühjahr fing ich an. Aber richtig los ging es im Mai, als wir auf La Réunion im Urlaub waren. Ich schrieb. Viel. Und zum ersten Mal fühlte sich jeder Text wie meiner an. Dann kam Substack. Und plötzlich war da ein Publikum.

Was bleibt: Vom Gartenblog zum Autorenblog

Der Garten war ein Motiv. Aber er war nie das Ziel. Das Ziel war immer: Schreiben.

Und jetzt wird Rezerette, was es immer sein wollte: Ein Autorenblog. 

Mit Garten, Haikus, Spörtern, Geschichten und Haltung. 

Mit allem, was mir mein Garten gibt – auch im übertragenen Sinne.

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