Titelbild Frauen der Macht, Portrait 2 – Boudika, Silhouette auf Himbeerrot

Boudīkā

Eine Frau sieht rot

Englische Küste. Das Feuer glimmt, riecht nach Rauch und Fieber. Prasto stirbt, und Boudīkā hält seine Hand, während ihre beiden Töchter einen Schritt entfernt sitzen, noch jung, aber sie verstehen.
Mit seinem letzten Atemzug mehr endet als eine Ehe. Eine ganze Epoche. Sein Testament liegt bereit. Es soll das Unvereinbare verbinden: römisches Recht und keltische Tradition. Verträge binden. Boudīkā will daran glauben. Sie irrt.

Emanzipierte Barbaren

Vor mehr als zehn Jahren kamen die Römer nach Britannien und eroberten den Süden Zug um Zug. Boudīkā und Prasto überlebten die Invasion. Er wurde Klientelkönig: pragmatisch, nicht unterwürfig, behielt Rang und Land, zahlte aber mit Abhängigkeit, die ihn an Rom band.

Sie lebten zwischen den Welten. Zahlten römischen Tribut, beteten zu keltischen Göttern, handelten Kompromisse aus, die keine waren.

Boudīkā sitzt mit im Rat. Neben ihr die Alten und die Krieger, die Weisen mit ihren Stäben. Sie spricht. Sie wird gehört. Sie ist Königin und Ratgeberin. In Rom wäre sie unsichtbar.

Macht schlägt Vertrag

Der Tag, an dem der römische Statthalter kommt, steht noch ganz im Zeichen der Trauer. Der Römer tritt ein. Hinter ihm die Soldaten.

Frauenworte zählen nicht.
Was zählt: nicht Bündnisse, nicht Recht. Nur Macht.
Sie wird ausgepeitscht. Vor den Augen ihres Stammes.
Dann nehmen die Soldaten die Töchter. Und niemand hält sie auf.

Der Plan

Wochen später. Im Rundhaus, schwach beleuchtet.

Männer und Frauen sitzen im Kreis: keine offizielle Versammlung, sondern eine konspirative Sitzung, bei der leise gesprochen wird, was keiner hören soll.

Boudīkā steht nicht am Rand. Sie ist die Stimme.
Sie spricht von den Peitschen.
Von den Schreien ihrer Töchter, vom kalten Blick des Statthalters.

Mehr sagt sie nicht.

Ein Icener steht auf: „Jetzt ist es genug. Die römischen Truppen sind im Nordwesten. Das ist unsere Gelegenheit!”
Boudīkās Schwager: „Es ist unsere heilige Pflicht, aber sind wir stark genug?”Boudīkā: „Wir sind wütend genug. Und wir sind viele!”

In dieser Nacht nimmt der Aufstand Gestalt an.

Der Sturm

Nach kurzer Vorbereitungszeit setzen sie sich in Bewegung. Zehntausend Kämpfer. Vielleicht mehr. Dazu Frauen und Kinder, die Krieger versorgen, kochen, Verbände anlegen, die Tiere treiben, ein Tross, der weniger wie ein modernes Heer wirkt als wie kämpfendes Camping.

Sie nutzen die Schwäche der Besatzungsmacht. Sie treffen auf kaum Widerstand.

In kurzer Zeit verwüstet Boudīkās Heer drei Städte.
Schnell. Heftig. Es gerät völlig außer Kontrolle.
Was als Rache beginnt, kennt bald kein Ziel mehr.
Häuser brennen, Tempel werden zerstört, Menschen sterben.

Nicht nur Römer.

Boudīkā sieht rot. Und alle anderen auch.

Boudica mit Dall´E interpretiert.

Zweifel

Boudīkā sitzt auf einem Hügel, der Boden unter ihr hartgetreten von Hufen und nackten Füßen. Vor ihr das Lager, hinter ihr der dunkle Saum eines Waldes. Ihre Schultern fallen nach vorne. Der Kopf ist schwer.

Irgendwo im Tross sind ihre Töchter: verletzt, traumatisiert, aber am Leben. 
Boudīkā hat sie wie eine Löwin verteidigt. Noch.

Die Falle

Die Römer wählen das Terrain. Eine Schlucht.
Enge statt Weite. Ordnung gegen Wut.

Die römischen Legionen, gedrillt, diszipliniert, nutzen die Enge. Sie drängen die Kelten zurück, Schilde schließen sich, Speere arbeiten im Takt, und keltische Krieger rennen mit ihrem Mut und ihrer Wut hilflos gegen eine Maschinerie an.

Boudīkā liegt unter Bäumen. Verwundet. Der Boden ist kalt. Irgendwo tobt noch die Schlacht: Schreie, Eisen auf Eisen.

Sie denkt an ihre Töchter.
An das Testament, das nichts zählte.
Sie war beides. Täterin und Opfer.
Verstrickt.

Dann ist es still.

Fragmentierte Bronzeskulptur von Teresa Wells – eine weibliche Figur in precarious pose, oxidierte Patina in Grün und Braun, Symbol für Fragilität und Vergänglichkeit von Macht
Die fragmentierte Bronzeskulptur der britischen Künstlerin Teresa Wells zeigt nicht die triumphierende Kriegerin. Sie zeigt den Moment danach. Die Patina – grün und braun, oxidiert – sieht aus wie Zeit, die sich über Schuld gelegt hat.

Muster der Ermächtigung

Oder wie Heldinnen gemacht werden

Bei Boudīkā ist es kompliziert.

Ja, es gibt Muster: königliche Herkunft, gute Ausbildung, politische Sozialisation an der Seite eines Herrschers. 

Was es gibt, ist schicksalhafte Verstrickung.

Eine Mutter, deren Töchter brutal verletzt werden, eine Königin, die vom Verbündeten enteignet und gefoltert wird.

Gelegenheit und Kränkung.
Zufall und Struktur.

Sie wurde später zur Projektionsfläche für andere Bedürfnisse.

Sie wollte nie Heldin sein. nur Mutter. Nur Mensch.

Wer schreibt, hat Macht

Cassius Dio machte sie zur barbarischen Furie, die in blinder Rage alles niederbrannte.

Das viktorianische England erhob sie zur edlen Nationalheldin. Poliert, auf Sockel gestellt.

Die Sufragetten sahen in ihr den Beweis: Frauen waren schon immer mächtig, leisteten Widerstand und forderten Herrschaft heraus.

Macht zeigt sich nicht nur darin, wer handelt, sondern wer erzählt.
Nicht jede Heldin der Geschichte ist eine Heldin.
Nicht jede Geschichte ist wahr.

Nachlesen & Vertiefen

Primärquellen

Tacitus: Annales, Buch 14, Kapitel 29–39 
Standardausgabe:
Deutsch: Die Annalen, übersetzt von E. Kammeier (Zürich: Artemis, 1983).

Cassius Dio: Römische Geschichte (Historia Romana), Buch 62, Kapitel 1–12
Standardausgabe:
Deutsch: Römische Geschichte, übersetzt von O. Veh (Zürich: Artemis, 1987).

Moderne Werke

Aldhouse-Green, Miranda J.: Boudica Britannia: Rebel, War-Leader and Queen

Zur Bildwahl

Die fragmentierte Bronzeskulptur der britischen Künstlerin Teresa Wells zeigt nicht die triumphierende Kriegerin. Sie zeigt den Moment danach.

Die Patina – grün und braun, oxidiert – sieht aus wie Zeit, die sich über Schuld gelegt hat. Wie Rost. Wie altes Blut.

Teresa Wells arbeitet mit „precarious poses to stress fragility”. Zerbrechlichkeit – nicht Stärke auf einem Sockel, sondern Fragilität im freien Fall.

Das ist die Boudīkā aus meinem Text. Nicht die polierte Nationalheldin.

Exkurs: Namen und Schreibweisen

Boudica, Boudicca, Boadicea, Boudīkā, Buddug?

Die keltische Königin, die gegen Rom rebellierte, trägt viele Namen. Keiner davon ist „der richtige”.

Das Problem
Die Icener schrieben nichts auf. Was wir über Boudīkā wissen, stammt von Römern. Den Männern, die sie bekämpften, die Jahrzehnte nach ihrem Tod schrieben.

Tacitus (um 100 n. Chr.): Boudicca
Cassius Dio (um 200 n. Chr.): Buduica oder Bouduica

Beide versuchen, einen keltischen Namen mit lateinischen Buchstaben festzuhalten.

Was der Name bedeutet?

Das keltische bouda heißt vermutlich „Sieg”. Boudīkā wäre dann: „die Siegreiche” oder „die Unbesiegbare”. Im Walisischen gibt es heute noch Buddug vom selben Wortstamm.

Warum so viele Versionen?

Der Name wurde über die Jahrhunderte immer wieder umgeschrieben:
Mittelalter: Fast vergessen
Renaissance: Boadicea taucht auf. Latinisiert, verfeinert
Viktorianisches England: Boadicea wird zur Nationalheldin, poliert auf Hochglanz
20. Jahrhundert: Historiker kehren zu Boudicca oder Boudica zurück, näher an den römischen Quellen

Heute sind Boudica und Boudicca die gängigsten Schreibweisen.

Meine Wahl: Boudīkā. Ich schreibe: Boudīkā (mit Makron über i und a).

Warum? Näher an der vermuteten keltischen Aussprache (das Makron markiert lange Vokale) Abstand zur viktorianischen Boadicea. Das hier ist keine Heldinnengeschichte. Ehrlich: Es ist eine Rekonstruktion, keine Gewissheit
Es gibt keine korrekte Schreibweise. Jede Version ist eine Interpretation.

Boudīkā ist meine.

Und Prasto?

In den Quellen heißt er Prasutagus mit römischer Endung, weil er als römischer Klientelkönig geführt wurde. Sein keltischer Name war vermutlich anders.

Prasto könnte vom keltischen prasto stammen, was „schnell” oder „Herr” bedeutet, möglicherweise ein Herrschertitel, kein Geburtsname.

Ich nenne ihn Prasto, eine Abkürzung, die das römische -us streicht und näher am Klang bleibt, den sein Volk vermutlich hörte. Auch das ist eine Rekonstruktion. 
Aber eine, die ihm sein römisches Kostüm auszieht.


Dies ist das zweite Porträt aus meiner Reihe “ Frauen der Macht„.

Parallel zum diesem literarischen Porträt erscheint bei Stabenwelt der historische Kontext in Fundamente der Macht: Das Britannien unter den Römern, die Welt, die Boudīkā zu Rebellin machte. 

Zwei Perspektiven. Ein Thema. 
Ich schreibe die Frau, er die Epoche. 
Stereo. 
Keine Dopplung.

Dagmar Wienböker

Ich habe 30 Jahre lang geführt, beobachtet, mitgespielt und gewonnen. Jetzt schreibe ich darüber: über Macht, Sprache und Frauen, die beides kannten.

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