Mary Wollstonecraft
Aus Mann wird Mensch
Der Säugling lebt. Mary hat ihre Tochter gestreichelt, bevor das Fieber kam. Zehn Tage schon. Das Zimmer riecht nach Kerzen und nassen Tüchern. Der Priester war da. Godwin sitzt, steht wieder auf, läuft unruhig hin und her. Sie hat über Freiheit geschrieben, über alles, was der Körper nicht sein sollte: Schicksal, Gefängnis.
Jetzt ist ihr Körper das, was er für viele Frauen war: ein Risiko.
Die Bücher treten zurück. Zwischen Schüttelfrösten fragt sie nach Fanny und der kleinen Mary. Aber das Fieber gewinnt.
Ohne Ordnung
England, Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein Haus, das bessere Tage gesehen hat. Ein Vater, mit dem die Gewalt jede Nacht ins Haus stürmt. Jemand muss dazwischen. Wenn schon nicht mit Worten, dann mit Anwesenheit.
Nachts steht Mary Wache vor der Tür. Um da zu sein. Ein lebendiges Hindernis.
Ihre Mutter schweigt dankbar. Vater verzieht sich fluchend.
Ehefrau sein, das will Mary nicht.
Der Mentor
Hewlett ist ein Geistlicher aus der Nachbarschaft. Kein Verwandter, einfach jemand , der Mary zuhört. Er leiht ihr Bücher und fragt, was sie darüber denkt. Kein Erwachsener hat das je getan.
Eines Tages legt er Émile hin.
„Das ist von diesem ungestümen Franzosen, Rousseau. Es hat die Gemüter bewegt. Schau selbst.“
Sie verschlingt alle Bände von Erziehung durch Natur und über Vernunft statt Gehorsam. Nur an den Stellen, an denen von Sophie die Rede ist, stockt sie. Da geht es nicht um Freiheit, sondern um Anmut und Gehorsam. Sie liest weiter. Noch hat sie keine Worte dafür. Aber irgendetwas passt nicht zusammen.
Beste Freundin
Manche Menschen findet man. Fanny Blood findet sie. Zwei Frauen, die lesen, wenn andere nähen. Die sich Bücher zuwerfen wie Geheimnisse: Lies das. Sofort. Fanny zeichnet. Mary schreibt.
Beide wissen, dass das keine Berufe sind, die für Frauen gedacht sind. Egal.
„Wir könnten eine Schule gründen“, sagt Mary eines Abends.
Fanny lacht. Nicht spöttisch. Nachdenklich.
„Wer würde zu uns kommen?“
„Mädchen, die dasselbe wollen wie wir.“
„Und was wollen wir?“
Mary überlegt. „Denken dürfen.“
Fanny schweigt einen Moment. Dann lächelt sie. Sie versuchen es. Newington Green, 1784. Zwei Frauen gründen eine Schule. Ohne Kapital, ohne Männer, mit Anfängergeist.
Ein Jahr später ist Fanny weg. Gestorben in Portugal im Kindbett. Ohne Fanny, mit wenigen zahlenden Schülerinnen und mit einem Bruder, der alles hat und nicht bürgt. Sie schließt ihre Schule.
Das erste Mal, dass sie etwas verliert, das sie selbst gebaut hat.
Männersalons
Die Entscheidung für London ist keine. Es ist alternativlos. Eine unverheiratete Frau, Ende zwanzig, ohne Vermögen. Mary muss vom Schreiben leben.
Sie trifft Joseph Johnson, den Verleger, macht Übersetzungen und schreibt Rezensionen für ihn. Sie ist fleißig, schnell und schlecht bezahlt. Ein Mann mit denselben Fähigkeiten hätte mehr verlangt. Johnson weiß das, Mary auch, doch sie bleibt still, noch.
Er druckt Dissenter, Radikale, Unbequeme. Er liest ihr Manuskript.
„Das ist gut.“
Sie wartet.
„Ich drucke es.“
Sein Salon am Sonntag ist ihr Lohn. Paine sitzt dort. Priestley. Fuseli. Männer, die über Freiheit reden, als wäre sie möglich. Mary redet mit. Widerspricht, wenn sie anderer Meinung ist. Ist mittendrin.
Ein Freund Paines besucht den Salon. Zwischen Gläsern und Papieren liegt wieder Rousseau. Mary schlägt das Buch auf und zitiert:
„Dans l’ordre naturel, les hommes étant tous égaux, leur vocation commune est l’état d’homme. Also:
In der natürlichen Ordnung sind alle Menschen gleich. Ihre gemeinsame Bestimmung ist es, Mensch zu sein! Richtig?“
Paines Freund nickt. „Selbstverständlich.“
„Und Vernunft ist der einzige Weg zur Tugend?“
„Ja, natürlich.“Zum ersten Mal begreift sie: Wenn „Mensch“ gesagt wird, ist sie nicht gemeint.
„Und da Frauen ebenfalls Seelen haben, sind sie also ebenfalls durch Vernunft zur Tugend bestimmt?“Stille. „Ja, aber … Die Natur der Frau ist doch eine andere …“
Ihre Hände bleiben ruhig. Wut steigt in ihr auf.
„Wenn Rousseau „homme“ schreibt und damit den Menschen meint, dann bin ich ein Mensch.
Alles, was er über Männer sagt, wende ich auf Frauen an!“
Liebe im Sturm
Dezember 1792, in Paris brodelt es. Eine Revolution, die die Welt neu ordnen will.
Mary muss das sehen. Mit eigenen Augen. Sie packt. Mal wieder. Sie kommt einen Monat, bevor Ludwig XVI. stirbt. Die Straßen riechen nach Aufbruch und Angst. Sie trifft die Girondisten, die Gemäßigten und findet Freunde, Ideen und die große Liebe: Gilbert Imlay. Ein Amerikaner voller Energie, ein Abenteurer mit Charme.
Er hört zu. Wirklich. Fragt nach ihren Gedanken, nicht nur nach ihren Ansichten. Lacht nicht über sie, sondern mit ihr. Sie kennt Männer, die von Freiheit sprechen und Gehorsam erwarten. Er ist anders. Sie weiß, dass Charme seine Währung ist. Und doch genießt sie die Nähe, seine Unbeschwertheit und einmal nicht die Starke sein zu müssen. Zu lange hat sie alles allein getragen: Schule, Bücher, Geld.
Gilbert ist für sie da. Eine Weile. Paris wird gefährlich. Er meldet sie beim amerikanischen Konsulat als seine Frau an. Das rettet ihr das Leben. Ihre Tochter kommt im Mai 1794 in Le Havre zur Welt. Fanny. Nach ihrer Freundin, die im Kindbett starb.
Gilbert verspricht nachzukommen. Schreibt immer seltener. Sie bleibt und schreibt.
Nordische Klarheit
Sommer, 1795. Mary, Fanny und ihre Amme verlassen Frankreich im Auftrag von Gilbert. Geschäfte in Schweden, Norwegen, Dänemark. Ein verlorenes Schiff, verschwundene Ladung, er braucht jemanden, dem er vertraut.
Sie bricht auf und hofft. Schweden im Sommer. Sonne, die nicht untergeht. Fanny schläft, Mary schreibt über Landschaft und Licht. Den Kopf lässt sie ruhen.
Für Gilbert reicht das nicht. Ihn ruft das nächste Abenteuer.
Sie geht zum Briefkasten. Leere. Irgendwann will sie nicht mehr aufstehen. Zweimal versucht sie zu sterben. Erst das Laudanum. Dann die Themse. Zweimal überlebt sie.
Das steht in keinem ihrer Bücher. Die Frau, die über Vernunft schrieb, war unvernünftig.
Zwei Häuser, eine Liebe
Zurück in England. William Godwin kennt sie schon lange. Vom Salon. Von Johnsons Tisch. Er hat mitdiskutiert und sie nicht vergessen.
Sie treffen sich wieder. Diesmal anders. Er liest ihr Skandinavien-Buch und sagt: „Wenn je ein Buch einen Mann in seine Autorin verliebt machen konnte, dann dieses.“
Sie lächelt: „Ich brauche meine eigene Wohnung.“
Er nickt, er hat selbst keine Lust auf totale Verschmelzung. Zwei Häuser, eine Straße auseinander. Es klingt seltsam. Und ist doch vernünftig. Sie wird schwanger. Sie heiraten, ganz pragmatisch, wegen des Kindes, gegen ihre eigenen Überzeugungen. Beide wissen das.
Das ist Godwin. Kein Charme, der trügt. Jemand, der bleibt.

Muster der Ermächtigung
Bei Mary gibt es kein System, das sie trägt. Ohne eine Familie, die Wege ebnet. Keine Kränkung, die zur Waffe wird. Nur sie. Und die Sprache.
Das ist Marys Muster: Selbstermächtigung durch Denken. Durch Schreiben. Durch das konsequente Anwenden von Begriffen.
Ihre Bausteine sind Menschen nicht Institutionen.
Hewlett fragt, was sie denkt.
Fanny liest mit ihr.
Johnson druckt sie.
Hände, die halten.
Und der Preis: Gilbert. Die erschöpfte Mary, die einmal nicht kämpfen will.
Mary, die über Abhängigkeit schreibt, erlebt sie selbst. Stille. Leere. Themse.
Sie zerbricht. Schreibt doch weiter.
Die Aufklärung erfand den Menschen. Mary sieht die Frau darin.
Sie war keine Revolutionärin.
Sie wollte, dass Vernunft für alle gilt – oder gar nicht.
Mensch heißt Mensch nicht Mann. Mary bestand darauf.
Das war ihre Vermessenheit. Und ihr Vermächtnis.
Was bleibt?
Godwin veröffentlicht die Memoirs.
Ehrlich, offen, und ziemlich naiv. Die Reaktionen sind vernichtend.
Das 19. Jahrhundert macht sie zur Warnfigur.
Sie wird zur Ikone. Frauen lesen sie als Vorkämpferin, als Märtyrerin, als frühe Feministin.
Aber stimmt das?
Mary war konservativ, sie wollte kein neues System erfinden.
Sie wollte mitgemeint sein.
Ihre Tochter Mary Shelley wächst ohne Mutter auf. Und mit ihrem Ruf.
1818 erscheint Frankenstein.
Ein Monster mit Seele.
Nachschlagen & Vertiefen
Primärquellen
Mary Wollstonecraft: A Vindication of the Rights of Woman (1792)
„In fact, it is a farce to call any being virtuous whose virtues do not result from the exercise of its own reason.“
Hörbuchfassung von Penguin Classics, gelesen von Jeanette Winterson
Mary Wollstonecraft: Letters Written During a Short Residence in Sweden, Norway, and Denmark (1796)
Jean-Jacques Rousseau: Émile ou De l’éducation (1762)
William Godwin: Memoirs of the Author of A Vindication of the Rights of Woman (1798)
Moderne Werke
Janet Todd: Mary Wollstonecraft. A Revolutionary Life (2000)
Charlotte Gordon: Romantic Outlaws. The Extraordinary Lives of Mary Wollstonecraft and Mary Shelley (2015)
Dies ist das dritte Porträt aus meiner Reihe „Frauen der Macht“.
Parallel zum diesem literarischen Porträt erscheint bei Stabenwelt der historische Kontext in Fundamente der Macht: Das England zur Zeit der französischen Revolution.
Zwei Perspektiven. Ein Thema.
Ich schreibe die Frau, er die Epoche.
Stereo.
Keine Dopplung.
Dagmar Wienböker
Ich habe 30 Jahre lang geführt, beobachtet, mitgespielt und gewonnen. Jetzt schreibe ich darüber: über Macht, Sprache und Frauen, die beides kannten.

