Haiku schreiben
Warum ich diese Form liebe!
Drei Zeilen.
Ein Bild.
Und ein Echo.
2023 habe ich damit begonnen, und irgendwann gemerkt: Das ist meine Form.
Ich muss keine Dichterin sein, um so zu schreiben. Einfach nur hinschauen. Und kürzen.
Meine kompakte Beschreibung über Geschichte, Aufbau und Wesen des Haiku, verbunden mit einer leisen Liebeserklärung an die Kraft der Kürze.

Was ist ein Haiku eigentlich?
俳句
俳 (hai) – entsprach ursprünglich dem „spielerischen Genre“ bzw. „Haikai“
句 (ku) – bedeutet „Vers“, „Strophe“ oder „Satz
Ein klassisches Haiku besteht aus drei Zeilen. In der japanischen Tradition folgen diese der Struktur 5–7–5, aber nicht in Silben, sondern in Moren: kurze Spracheinheiten, oft kürzer als eine Silbe.
Das japanische Wort Tokyo zählt vier Moren: To-o-kyo-o, aber nur zwei Silben: TO-KYO Wer Haikus auf Deutsch schreibt, orientiert sich meist an der Silbenzahl, doch entscheidend bleibt der Klang. Der Rhythmus. Und das, was zwischen den Zeilen schweigt.
Wie bin ich zu Haikus gekommen?
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das erste Mal über Haikus stolperte. Wahrscheinlich 2023. Wahrscheinlich auf Instagram. Wahrscheinlich in einem Moment, in dem ich etwas ganz anderes suchte.

Was unterscheidet Haiku, Senryu und Tanka?
Wenn man nicht richtig zuhört, wird aus Haiku schnell ein Heiko. Und wenn man sich ein wenig Zeit lässt, dann ergibt sich dieses:
Haiku trifft Heiko
Sound der sechziger Jahre
Worte wie Klänge
Später las ich: Haikus zeigen Natur mit einem Jahreszeitenwort (Kigo) und einem Schnitt im Denken (Kireji).
Exkurs: Der Frosch, das Wasser – und die Kunst der Übersetzung
Kaum ein Haiku ist so berühmt wie dieses:
古池や
蛙飛びこむ
水の音
Alter Teich –
MATSUO BASHŌ, 1686
ein Frosch springt hinein:
Geräusch des Wassers.
In westlicher Lautschrift (Romaji) und nach Moren gegliedert, liest es sich so:
fu-ru-i-ke-ya
ka-wa-zu-to-bi-ko-mu
mi-zu-no-o-to
Das klassische 5–7-5 Schema bezieht sich im Japanischen auf Moren, nicht auf unsere Silbenzählung. Und das macht die Übersetzung schon auf der untersten formalen Ebene knifflig. Denn Moren sind kürzer, rhythmisch präziser – man denke an den Unterschied zwischen einem Schlag mit dem Finger und einem Takt mit der Handfläche.
Wie klingt das Original?
Das Japanische kennt keinen Betonungsakzent wie im Deutschen – sondern Tonhöhenverläufe. Eine More ist eine minimale Sprecheinheit, kürzer als eine Silbe. Hier die typografische Klangform des Originals – laut lesbar, fast wie ein Rezitativ:
Morenstruktur & Tonhöhenbetonung:
fu–RU–i–KE–ya ka–WA–zu–TO–bi–KO–mu MI–zu–no–O–to
Großbuchstaben markieren die jeweils hohe Tonhöhe (nach dem Akzentkern).
Kleinbuchstaben bleiben tief oder fallen dorthin zurück.
Silbentrenner (–) = trennt die einzelnen Moren – nicht Silben!
Moren sind wie Wassertropfen: regelmäßig, unaufgeregt, atmend.
Beim „TO–bi–KO–mu“ springt der Frosch.
Bei „O–to“ klingt das Echo aus.
Zum Hören: YouTube: Bashōs Haiku rezitiert (japanisch)
Drei deutsche Varianten – drei Haltungen
1. Die schlichte Übersetzung (Dietrich Krusche):
Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein
– das Geräusch des Wassers.
Ruhig, schlicht, fast zenartig. Kein Zwang zur Form, sondern zur Wahrnehmung.
2. Die formelstrenge, aber kindliche Version (Gerolf Coudenhove):
Alter Teich in Ruh
– Fröschlein hüpft vom Ufersaum,
und das Wasser tönt.
Förmlich korrekt, aber semantisch befremdlich. Fröschlein, tönt? Man riecht beinahe Tintenfass und Biedermeier.
3. Die „Plopp“-Version (freie Nachdichtung, anonym):
Alter Teich
– ein Frosch springt hinein,
plopp.
Reduktion auf den Moment. Lautmalerei statt Lautbeschreibung. Kultstatus, nicht eindeutig zuordenbar.
Der Frosch in meinen drei Stimmen
Ein Motiv, drei Blickwinkel. Clara denkt Struktur. Klang hört Tiefe. Mephisto stört. Natürlich.
Clara: klar, strukturiert, mit einem Sinn für Form und Tiefe
Alter Teich.
Ein Frosch springt.
Klang trifft Bedeutung.
Clara interessiert sich nicht fürs „Plopp“, sondern für den Moment, in dem Sprache Realität rahmt. Struktur vor Emotion. Klarheit vor Interpretation.
Dr. Klang: poetisch, resonant, sinnlich wach
Wasserhaut vibriert,
Froschbogen durch frühes Licht
– ein Tropfen denkt nach.
Dr. Klang lauscht mit dem ganzen Körper. Für ihn ist der Frosch Teil eines akustischen Ökosystems. Die Sprache zieht Kreise.
Mephisto: sarkastisch, spitz, mit dunkler Pointe
Teich war ruhig
– bis der Frosch, dieser Idiot, reinhüpfte:
plopp.
Mephisto hasst Erhabenheit. Er bringt das Störgeräusch zurück ins Motiv. Und trifft damit vielleicht Bashōs Pointe.
Vielleicht liegt die Kunst des Übersetzens irgendwo zwischen Nachwort und Nachklang, ohne akribische Treue und mit poetischer Spur.
Senryu und Tanka
Im Unterschied dazu richten Senryu den Blick auf den Menschen: spöttisch, urban, ironisch. Die Form bleibt gleich 5-7-5, aber der Ton kippt.
Tanka sind die großen Geschwister des Haiku: fünf Zeilen, 5‑7‑5‑7‑7. Eher wie ein Gespräch in zwei Strophen: eine Beobachtung, eine Antwort. Sie wirken weicher, wie ein langer Blick statt eines Flackerns.
Schon 1920 schrieb Rilke begeistert von der „kleinen japanischen (dreizeiligen) Strophe, die ‘Hai‑Kais’ heißt“. Sein frühes Experiment:
Kleine Motten taumeln schaudernd quer aus dem Buchs; sie sterben heute abend und werden nie wissen, daß es nicht Frühling war.
Zwischen den Formen: Haiku, Limerick, Aphorismus
Ein Haiku ist kein Limerick. Er reimt nicht. Er springt nicht. Und er lacht nicht laut.
Der Limerick tänzelt über Silben – mit Rhythmus, Reim und Pointe. Ein Haiku dagegen beobachtet. Und schweigt manchmal lieber, als zu enden.
Auch mit dem Aphorismus ist er nur entfernt verwandt. Der Aphorismus will Gültigkeit. Will Recht behalten. Ein Haiku will nichts. Es lebt in drei Zeilen.
Was ihn mit beiden verbindet: die Kürze. Was ihn unterscheidet: die Haltung. Ein Haiku muss nicht klug sein. Er darf einfach klingen.

Was macht das Schreiben von Haikus mit mir?
Es begann mit einem Blogartikel von Gabi. Kein Kurs im klassischen Sinne, aber ausführlich genug, dass ich danach anders auf Dreizeiler schaute. Konzentrierter. Offener.
Ich spürte, dass diese Form ganz mein war. Diese Spannung in der Kürze. Diese Möglichkeit, genauso poetisch wie bissig zu sein.
Zuerst war es Spiel. Dann Struktur. Erst als Abschluss. Dann bekam das Haiku einen festen Platz in meinem Newsletter. Und schließlich veränderte es mein 12von12 Format. Nicht radikal. Aber spürbar.
Inzwischen schreibe ich jeden Monat 28 bis 31 Haikus – einen pro Tag, als MoRüBli: Monatsrückblick in Versen. Die Form ist dieselbe geblieben. Was sie trägt, wurde mehr.
Haikus bilden sich bei mir immer über ein Bild oder ein Foto. Ein Moment, den ich sehe. Aus dem Bild wird dann Klang. Aus dem Klang eine Zeile. Und manchmal reicht das schon.

Warum schreibe ich Haikus immer wieder?
Sie machen den Text rund. Ein letzter Ton, dann Stille. Manchmal tauchen sie auf, setzen sich neben ein Bild und bleiben. Sie beenden Texte. Oder öffnen sie.
Ich lasse sie. Sie sind leise genug.
Was bleibt?
Dass Kürze keine Schwäche ist.
Dass ein Schnitt im Text mehr sagen kann als viele Worte.
Dass Bilder in der Stille wachsen.
Vielleicht ist ein Haiku nichts weiter als ein Gedanke, der sanft anklingelt und gleich wieder geht.
Dr. Klang murmelt:
Ein Haiku ist wie eine Kirsche: klein, rot, rund und manchmal bleibt der Kern im Hals.
Mephisto nimmt den Stift:
Drei Zeilen. Ein Moment. Und schon denkt jeder, er sei Poet.
Es ist es kein Zufall, dass sich Dr. Klang und Mephisto erst meldeten, als ich begann, Haikus zu schreiben. Sie denken nicht in Versen. Aber sie kürzen gnadenlos.
Nachlesen und Vertiefen
Einfach ein Haiku schreiben – eine schöne Anleitung.
Leon Rölert: Der Weg des Haikus in die moderne deutschsprachige Literatur. Grin Verlag 2020.
Dagmar Wienböker
Ich habe 30 Jahre lang geführt, beobachtet, mitgespielt und gewonnen. Jetzt schreibe ich darüber: über Macht, Sprache und Frauen, die beides kannten.

