MoRüBli 2026 – Monatsrückblick in Haikus mit Aquarell-Design und Möhre

MoRüBli Januar 2026

Die Kälte kehrt zurück

Ich habe keine Neujahrsvorsätze. Dafür Schnee, Kant, Knieprobleme und fast täglich ein Haiku.

Ein Monat in siebzehn Silben und einunddreißig Tagen

  • Sonne trifft Niesen,
    Pusteblume weggehaucht –
    Versinkt tief im Schnee

  • Wolken versprechen.
    Winterweiß in leiser Pracht.
    Welt wird still. Ganz still.

  • Pisten übervoll.
    Alle drängen sich im Weiß.
    Winter wie gequält.

  • In Winterstarre
    frieren Gefühle zu Stein.
    Kälte schimmert durch.

  • Leise Adieu sagt
    die Pusteblume und geht
    leicht, schwer und ist frei.

  • Schnee in Linien.
    Skier formen ihren Weg.
    Kälte brennt sich ein.

  • Königin mit Bart.
    Stein, Thron und männliches Spiel.
    Vergessene Macht.

  • Ein Tag mit Julchen.
    Sanft. Klebrig. Emotional.
    Sie wird zum Echo.

  • Wärme gebiert Eis,
    Wind wandelt Tau zu Beton,
    Schnee brutal geformt.

  • Langeweile lebt.
    Feuchter Schnee. Zeit kriecht. Stockt. Klebt.
    Stunden werden Harz.

  • Pulverschnee ist schee.
    Wie weisse, warme Daune
    deckt Hässlichkeit zu.

  • Montag in Ruhe
    Kalter Niesel klopft und tropft
    Grau wird zur Stimme.

  • Lila Versprechen,
    Hyazinthe im Winter
    Trotzige Blüte.

  • Fahrend. Diktieren.
    Denken zwischen hier und dort –
    Freiraum genommen.

  • Moment ohne Plan.
    Hart gefallen. Weiß um mich.
    Aufstehen fällt schwer.

  • Schweiß. Kein Vergnügen.
    Muskel schmerzt, Vernunft gewinnt.
    Knie quietscht. Leise. Stumm.

  • Familientag.
    Beide lachen. Mutter. Tante.
    Letzte Begegnung.

  • Schale mit Zwiebeln
    Blumengruß in den Winter
    Grünes gegen Weiß.

  • Ist früh, bin müde.
    Der Wurm? Noch nicht gefunden.
    Ich fliege. Langsam.

  • Blaue Blüte strahlt.
    Frühling atmet kalt hinein.
    Blau bleibt. Trotzig. Da.

  • Schwarz ist nicht traurig.
    Schwarz atmet. Wartet. Hält Raum.
    Schwarz ist poetisch.

  • Kant. Schwere Worte.
    Vernunft klopft an. Weckt mich auf.
    Stille wird zum Start.

  • Idee wird zum Strich,
    Die gemalte Wirklichkeit.
    Form gibt Raum erst Sinn.

  • Schnee fällt sanft im Frost.
    Aus Sanftheit wird glatter Glanz.
    Schönheit täuscht. Auwa!

  • Geburtstagsfeier.
    Bin dabei und doch nicht ganz.
    Geist schon längst zu Haus.

  • Mein Text ist online.
    Königin steht klar im Raum.
    Der Rest ist Rauschen.

  • Website im Werden.
    Pixel. Code. Manchmal auch Frust.
    Neue Welt entsteht.

  • Fünfzehn Jahre Zeug.
    Loslassen. Freier werden.
    Neues braucht Leere.

  • Schneelicht im Nebel.
    Faul. Haikus schreiben. Mit Claude.
    Geburtstag im Bett.

  • Tasse. Dampf und Stift.
    Denken. Schreiben. Erzählen.
    Worten gehört der Tag.

  • Kamin knackt leise.
    Wenig Licht, Geruch nach nichts.
    Stillstand gibt Kraft.

Einunddreißig Tage.
Einunddreißig Haikus.
Januar mit Kälte, die bleibt. Und manchmal blüht da was.

Mein Januar in Worten

Eine Freundschaft ging zu Ende, leise, fast unbemerkt.
Ein Moment war alles leicht, plötzlich war da nur noch Kälte.
So fühlt sich dieser Monat an: Manches vergeht. Einiges bleibt. Neues klopft an.

Die ersten Tage: endlich Winter. Der langersehnte Schnee kam: kurz still, dann Lärm auf den Pisten. Winterfreude, Winterstress.

Die Kälte ist massiv. Tagelang minus 15 Grad. Dann Tauwetter, und unsere Einfahrt mutiert zur Eisbahn. Glätte wie Beton. Schnee, hart wie Stein. Kein sanfter Winter mehr.

Ich schreibe überall: am Schreibtisch, im Auto, fahrend, diktierend, denkend zwischen hier und dort.
Projekte wachsen: Zeit:Insel, Unterwegs mit Worten, Hatschepsut.
Eine Frau mit Macht, Bart, Thron und der ewige Kampf, ernst genommen zu werden.
Zeilen fließen. Schnell.

Der Text geht online. Die Königin steht klar im Raum. 275 Impressionen, 15 Likes. Der Rest ist Rauschen.

Mutterbesuche: wie immer eine Mischung aus Herz, Hektik und Gummibärchen.
Und dann: Mutter und Tante sitzen zusammen, beide lachen. 800 Kilometer zwischen ihnen, 97 und 89 Jahre auf dem Buckel. Vermutlich das letzte Mal.

Langeweile. Manche Tage sind so: nicht gut, nicht schlecht, einfach nur seltsam leer.
Auch graue Tage reden. Nur hört man ihnen ungern zu.
Blumen helfen. Die lila Hyazinthe steht am Fenster, als würde sie den Frost ignorieren.

Neuer Pulverschnee: weiß, leise, ein bisschen Trost.
Ich gehe Skifahren, lege mich auf die Nase , das passiert mir selten.
Aufstehen tut weh, das blöde Knie schmerzt.
Ich will’s allein schaffen. Ich schaffe es. Punkt.

Dachboden entrümpeln. 15 Jahre Zeug in Kartons, drei Fahrten zum Wertstoffhof.
Loslassen macht freier. Neues braucht Leere.

Am 29. war mein Geburtstag. Schneelicht im Nebel draußen, ich liege faul im Bett und schreibe Haikus.
So beginnt ein Jahr.

Januar ist nicht Anfang, sondern Übergang. Kälte bleibt. Und manchmal – ganz plötzlich – blüht da was.

Dagmar Wienböker

Ich habe 30 Jahre lang geführt, beobachtet, mitgespielt und gewonnen. Jetzt schreibe ich darüber: über Macht, Sprache und Frauen, die beides kannten.

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